So nah und fremd

„Kreatives Schreiben in Museen“ war im Hafenmuseum und hat sich die Ausstellung von Knut Lagies und Eva Matti angesehen. Beide Künstler führen auch einen Blog über die Entstehung der Ausstellung. Malerei und Videoinstallationen regten an, in andere Welten literarisch einzutauchen und Nahes und Fremdes zu erschreiben. Zu ausgewählten Kunstwerken wurde wieder 30 Minuten geschrieben, kurz überarbeitet und dann sofort gelesen. Heraus kamen erneut sehr unterschiedliche Texte, die die Vielfalt der Wahrnehmung spiegeln.
Handwerkliche Themen waren weiterhin „Verdichtung“ und „Reflexion“, ebenso wie die „Kurzgeschichte“.
Die Texte werden nun für eine Lesung zusammengestellt, die am 14. Januar um 17 Uhr  im Hafenmuseum stattfinden wird.

Nachfolgend eine erste Auswahl an Texten:

Eva Matti Schneewittchen

Eva Matti: „Schneewitchen und der Dirigent“; 3-tlg. Acryl/Öl auf Leinwand, 2010

Überfüllungsgesellschaft 
Einer um den Anderen
Weitwinkelperspektive einzelner Leben
Verwaschene Gesichter,
verwaschene Häusergebirge
doch jeder hat seinen Platz
Sie sind stumm
Rauschen, rascheln, knistern von Mänteln und Tüten
– Berauschender Nebel
Aufgewühlte Herzen, manche: Schatten ihrer selbst
Manche schlagen laut und heftig
Sie dort, er an der Tür
zu Füßen das Glück
müssten nur aufschauen
anbrüllen will er sie alle
ist schon lange verstummt
Wechselgeld gibt er zurück,
erster Gang.

B.


Nichts frei
Alte Menschen haben immer Vorrang
So wie ich mich fühle, bin ich viel bedürftiger
Ich schwitze
Zu eng, um meine Jacke auszuziehen
Vorne schreien Kinder
Normal, ganz normal
Doch es frisst mich
Mein Kopf pocht härter
Noch 4 Stationen
Das Festhalten an den Schlaufen über mir
zieht an meinem Trizeps
Noch 3 Stationen
Die Blase drückt, lenkt ab vom Kopf
Die Kinder steigen auszuziehen
Mehr Leute steigen ein
Gedränge, mein Körper wird eingeschlossen
Ich hasse sie alle
Will raus, aufs Klo, Kopfschmerztablette
Noch 2 Stationen
Platzangst, sie sind alle so nah
Mehr Schweiß, mehr Druck
Diese fremde Stadt rückt mir auf die Pelle
Noch 1 Station

Lisa O.
Es ist heiß.
Ich bin von Wärme umgeben.
Die Hitze öffnet meine Poren.
Der Schweiß tropft.
Der Sitz ist nass.
Ich schwimme, ohne Wasser.
Es schmeckt salzig.

I.F.

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Knut Lagies Übers Meer

Knut Lagies: „Übers Meer“, Videoinstallation

Unfassbar, diese Stadt. Unbegreiflich, wie laut und bunt sie blinkt und lärmt. Wie sie gegen den Schleier von Smog ankämpft, der sie zu ersticken droht.

Ich sitze am Ufer und ihre Farben schreien mich an. Ich schließe die Augen und höre dennoch ihr schmutziges Gedröhne. Ich greife nach ihr, doch sie rückt in die Ferne. Will gesichtslos bleiben, wo Anonymität die Regel ist.

Hoffnung schimmert, ich öffne die Augen. Sehe mundlose Menschen, die einander mit Blicken zulächeln.

Sirenen heulen auf und ab, zerreißen schrill die dicke Luft. Ich heule mit ihnen.
Unfassbar, dieser Ort. Unbegreiflich, wie hässlich schön er ist.

(Rhododendron)

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Eva Matti Haussicht, 2007

Eva Matti: Haussicht (Öl auf Leinwand, 2007)

Taurus polyethylenterephthalatus volatilis

Ein Stier. Auf einem Flügel
Einem kohlschwarzen Flügel
In einem Garten
Er scharrt die Hufe, doch er ist erstarrt
Angriffslustig, aber ungefährlich, denn Bewegung ist ihm untersagt
Fremde Menschen starren ihn an, laufen Kreise um seine Beine

Eins geworden mit dem Tasteninstrument zu seinen Hufen
Seit seiner Geburtsstunde, zweieiige Zwillinge
Mattes Licht auf seiner Karbonhaut
Er ist einer von vielen
Die Stadt der Lagunen ist zuweilen bevölkert von Geschöpfen und Dingen wie ihm:
Hybride. In den Gärten der Palazzi, den Hallen in den Giardini

Gestern noch sah ich einen gestrandeten Polypropylen-Wal,
er wirkte deplatziert
Der Stier nicht
Als gehöre er hierher
Doch bald schon wird er woanders hingebracht
Tritt eine weitere Reise auf seinem schwarzen Flügel an

S.K.

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Knut Lagies Meermann

Knut Lagis: Meri Miehen Unelma, Videoinstallation

Das war vollkommen absurd. Er maschierte auf und ab auf dem Deck eines Containerschiffes und versuchte nachzudenken. Er wollte sich auch mal Gedanken machen über sein Leben, die Welt und den Sinn dahinter. Das hatte er vorher noch nie getan. Also wanderte er herum und wartete auf die schlauen Gedanken. Doch nichts kam. Er fragte sich, wie man schlau dachte. Er konnte nur daran denken, was vor seinen Augen war. Kopliziert dieses ganze Gedenke. „Vielleicht kallpt es so“, flüsterte er und schlug seinen Kopf gegen einen weißen Container. Und da, ein Gedanke! Kopfschmerzen, er hatte im Moment immer Kopfschmerzen. Er musste etwas dagegen tun. Tabletten, mehr trinken, Biogemüse? Der Biobauer aus der Nachbarschaft war pleite. Völlig überrascht über seine Gedankenflut machte er weiter. Er schmiss seinen Körper auf den Boden und die Gedanken flossen. Er rieb seine Brust an der Reling, noch mehr schlaue Einfälle. Er schrie : „ Ich will mehr, ich will so viel mehr!“. In Extase sprang er über Bord.

Lisa O.

Hin und Her. Hin und Her.
Das Gehen fällt mir schwer.
Hin und Her. Hin und Her.
Mein Blick, der richtet sich aufs Meer.

Ach, wenn ich doch ein Fischer wär.
Ein Fischer der hat Zeit, der muss sich nicht beeilen,
der kann das Meer erkunden und darf auch mal verweilen.

Hin und Her. Hin und Her.
Das Gehen fällt mir schwer.
Hin und Her. Hin und Her.
Als Ausweg bleibt mir nur das Meer.

I.F.

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Eva Matti Schattensprung 2004Eva Matti: Schattensprung, 2004

Gefügig erwachsend
ziehen Mauern hoch und waagerecht.
Dekonstruktion zur Konstruktion
Welch ein lustig’es Puzzlespiel.
Platzsparende Orientierungsmaßnahmen
Jeder Kubikzentimeter bleibt heilig,
wird mit einem Denkmal geehrt;
Stein auf Stein aus Stein auf Stein auf Stein auf Stein auf Stein auf Stein auf Stein auf Stein
fügt sich zusammen.
Ein Mahnmal inmitten jeder Zelle.
So fremd und nah.

A.S.

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Liebe, Hass, Zärtlichkeit.
Leise schleicht es sich hinein.
Mein Gefühl.
Was kann es sein?

Will dich halten,
will dich küssen.
Nicht vermissen.
Einfach drücken.

Dunkle Schatten
Neben mir.
Hallo?
Ist jemand hier?

Keine Stimme, keiner da.
Langsam wird es mir nun klar.
Mein Gefühl:
Alleine sein.

E.C.

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BoxenKnut Lagies: Boxen, Videoinstallation, 2013

Eine Wand

Ein Haus, zwei Räume, zwei Menschen.
Ein Mann, eine Frau und nichts dahinter.
Ein leerer Kopf, fünf Zeilen und Wände aus Stahl.

Es waren einmal…
Zwei kritische Menschen, die sich nicht kannten und auch nicht kennen konnten.
Wie jedermann, überall, irgendwo.
„Man müsse gegen die Entfremdung in diesem digitalisierten Zeitalter ankämpfen!“, sagte der Mann zur Frau, und gab ihr seine E-Mail-Adresse.
Aus philosophischen Gründen natürlich, wenn sie verstünde.
Sie verstand.
Doch die beiden trennte eine Wand.
Eine aus Zahlen, Nummern und Schrägen, eine aus vielerlei nichts, und allem und wegen.
Doch am Ende gab er ihr die Hand.
Sie war warm und groß und fest und sicher.
Sie erkannte sie wieder, da war sie sich sicher.
Die Tür fiel ins Schloss und der Mann war weg.
Nur diese Reihe aus Buchstaben, @´s und Punkten stand noch da.
Sie war ihr fremd und doch so nah.

J&K

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HochZeiten
Eva Matti: HochZeiten, Acryl auf Leinwand, 2006

Ferngläsern

Du legst
deinen Augschatten
auf mich.
Zwischen
meinen Häuten
willst du
schwimmen
im grauen Rosalicht
zum Meer,
das dir
entgegen funkelt.
Ich wende es
hin und her.
Lassen den
Lichtstrahl stürzen
der dich
trägt
und schwenke
meine Lider zum
Blau.
Hier.

Lisa Barth

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Eva Matti Die Auswanderer

Eva Matti: „Auswanderer“, 2tlg Acryl auf Leinwand, 2013

(Kurzgeschichte)

Die Gänge im Einkaufszentrum waren zum Bersten voll. Alt und Kung standen nebeneinander, manche hielten sich sogar an den Händen. Viele Leute hatten die Arme vor der Brust verschränkt. Ein Mann in der ersten Reihe, nahe der provisorischen Bühne schaute griffig hinauf. Er schien zu allem entschlossen. Oben auf der Bühne standen Stühle und ein Rednerpult. Aufrecht und steif nahmen dort nun hochrangige Unternehmer und Politiker Platz. Viele schauten verunsichert, in ihren Gesichtern waren trotzallem die harten Gesichtszüge ökonomisch denkender Geschäftsmänner geblieben. Doch diese Züge wurden aus dem Publikum erwidert. Hans-Georg fragte sich, wer hier eigentlich das Publikum war und wer die Schauspieler. Ein kleiner Junge hielt ein I-Phone in der Hand und schien in ein Spiel vertieft zu sein. Plötzlich trat eine Frau mittleren Alters auf ihn zu, riss ihm das handy aus der Hand, warf es auf den Boden und trat darauf herum. Der Junge starrte sie nur an, dann kamen ihm die Tränen und er verschwand in der Menge. Mittlerweile kamen immer mehr Menschen hinzu, einige hatten alte Röhrenfernseher, Mikrowellen, Video- und Audiokassettenspieler und sogar einen Backofen mitgebracht und schichtetetn alles zu hohen Türmen auf neben den Rolltreppen. Bald gesellten sich Plattenspieler und sogar Grammophone hinzu. Langsam aber sicher wuchs die Mauer. Die Geräuschkulisse war für Hans-Georg schon lange nur noch ein rauschen. Wie das eines alten Fernsehers, der keinen Empfang hat. So ähnlich wie das schwarz-weiße Rauschen empfand er seine Situation. Eine Gruppe dunkel gekleideter Menschen betrat den Raum. Sie trugen Transparente und Banner bei sich und verteilten sie unter den anderen. Nun kam Bewegung in die Masse und einige begannen laut zu rufen. Hans-Georg verstand nicht genau, was sie riefen, aber er spürte, dass es im Gange war. Doch für Genaueres saß er an seiner Kasse zu weit weg. Er kassierte schnell die Ware eines Kunden, um ja nichts von der Aufregung vor dem Laden zu verpassen. Irgendwie verstand er ihren Sinn noch nicht ganz. Als nun einer der wichtig aussehenden Männer ans Rednerpult trat, dämmerte ihm, wofür die Leute hier standen: Der amerikanische Konzern „Apple“ hatte vor kurzem Verhandlungen mit Politikern und Geschäftsleuten der BRD geführt und nun sollte vermutlich transparent gemacht werden, worum es gegangen war. Es musste schon durchgesickert sein, so erklärte sich Hans-Georg die Proteste der Menschen. Da hört er den Mann am Pult sagen: „Apple darf von nun an das einzige Unternehmen sein, dessen Elektronikartikel sich in Ihrem Haushalt und in ihrer Verwendung befinden. Jegliche Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafen oder sogar Freiheitsentzug geahndet.“ Allgemeines Geschrei erhob sich, die Menge begann sich auf die Bühne zuzubewegen. Dann verschwanden alle aus Hans-Georgs Blickfeld, als er sich hastig erhob, seine Kasse schloss und die Filiale des Media-Marktes verließ. Er würde nun doch zu seinem Bruder nach Russland ziehen. Je eher sein Flug ging, desto besser.

B.

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6 Gedanken zu „So nah und fremd

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