Kreativ geschrieben

Am vergangenen Dienstag besuchte das Seminar „Kunst und Kreatives Schreiben“ die Bremer Künstlerin Andrea Imwiehe und schrieb über die Bilderserie „Mangelware“.
Die Künstlerin erzählte uns über Ursprung und Technik der Bilder, die Art der Gestaltung und auch etwas über ihr Anliegen.
Letzteres interpretierten wir in unseren Texten neu und erarbeiteten eigene Geschichten.

Mangelware 2

Rabenzeit  von Annelie Mahler
Steine knacken unter den dahin schnellenden Reifen meines Fahrrads. Wind fährt mir durch die Haare, während ich kräftig in die Pedale trete. Schneller. Nur noch einmal abbiegen. Mit Schwung die Kurve nehmen. Der Vorderreifen rutscht auf dem losen Kies herum und ich schlenkere gefährlich im Sattel hin und her, fange mich gerade noch und radle ohne abzubremsen weiter. Ein paar Meter noch. Von vorne sieht alles ganz normal aus. Unversehrt. Ich stoppe hart vor der kleinen Holztür, die zum Hinterhof und in den Garten führt, lasse mein Rad achtlos fallen und sprenge um das Gebäude herum. Mitten im Lauf erstarre ich. Kälte zwirbelt meine Wirbelsäule empor und greift nach mir. Im Garten hängt die Wäsche von der Leine, ein vertrautes Bild. Dort Karlchens rote Söckchen, die er für Spazierfahrten im Kinderwagen angezogen bekommt. Daneben seine Unterhosen, weiß und schwer vom Waschen. Dazu sein Mützchen. Hin und her in der leichten Brise wiegt sich Margarethes Rock. Rosa ist er. Wie ihre Lippen. Ich erinnere mich an unseren ersten Kuss. Verheißungsvoll war er, wie ein Versprachen. Auf dem Holzzaun sitzt ein Rabe und schreit. Ich drehe mich weg von dem Idyll nun vergangener Tage. Viel ist nicht übriggeblieben. Die gesamte hintere Haushälfte ist eingestürzt. Weggebombt. Vernichtet. Die Wäsche schaukelt sanft im Wind, der aufgebrachte Rufe und Schreie zu mir herüber trägt. Steif stehe ich vor den Trümmern, sehe fassungslos die Steine und zerfallenen Wände. Einzelne Möbelstücke, an die ich mich gut erinnern kann, ragen aus dem Grab heraus. Der Anblick schmerzt und bohrt sich in meine Seele. Eine kräftigere Böe pflügt durch die Bäume und bringt die Blätter zum Rascheln. Margarethes Rock flattert heftiger, reißt sich von der Leine und fällt auf die Erde. Mit meinem Ärmel wische ich mir über die nassen Augen, sinke zu Boden und berge mein Gesicht in beide Hände. Wieder schreit der Rabe.

Rock´n´Roll Moment von Vanessa Schwarkow
Wenn der Krieg und seine Folgen ein ganzes Land beschatten und einem das Kostbarste, das man besitzt – nämlich das Leben- aus den Händen und dem Herzen reißt, dann fehlt es dem Alltag an Farbe und an Leichtigkeit. Jeder Tag gleicht dem anderem, jedes traurige Gesicht seinem Nebenmann. Man kennt die Geschichten. Meine eigene Geschichte beginne ich am liebsten von dem Tag an, als wieder Farbe und Leichtigkeit in mein Leben trat. Dem Tag, an dem ich meine Liebe für einen ganz besonderen Mann – nämlich euren Opa – und den Rock´n´Roll entdeckte…

Es war ein frischer Sommertag Mitte der 50er-Jahre und in den zahlreichen idyllischen Gässchen unserer Nachbarschaft herrschte die vollkommene Stille. Obwohl der Krieg schon einige Jahre her war und seine Spuren auch in unserer Siedlung deutlich hinterlassen hatte, gab es dennoch keinen einzigen Tag, an dem es so still und so leer auf den Straßen war, denn die Folgen dieser grausamen Zeit dominierten immer noch unser tägliches Leben. Doch an diesem Tag schien es so anders. Nahezu verlockend. So beschloss ich einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, bevor das Haus wach werden und mich somit die Arbeit rufen würde. Ich schnappte mir meine alten Sonntagsschuhe und machte mich auf den Weg. Es war noch recht früh am Morgen und die Sonne zeigte sich nur schüchtern. Ich durchlief die mir nur allzu gut bekannten Straßen, schließlich lebte ich hier schon mein ganzes Leben lang. Jeder kleine Laden, jede Straßenlaterne und jeder Ziegel sind mir bekannt. In meinem Kopf spielte sich ein Film ab, wie ich noch vor ein paar Jahren gemeinsam mit meinen Geschwistern oder den Nachbarskindern durch diese Gassen gelaufen bin. Damals erschienen mir die Farben der Reklamen und Blumen kräftiger und fröhlicher, die Gebäude höher und imposanter. Unser kleines Städtchen hatte glücklicherweise weniger vom Krieg abbekommen, als andere Städte. Und dennoch hat es sich verändert.
Ich begegnete keiner Menschenseele und genoss den seltenen Moment der Ruhe, der Einsamkeit und der Unabhängigkeit. Da die Sonne allmählich am Himmel empor stieg, lief ich wieder zurück nach Hause. Als ich nach dem glänzenden Türknopf (der nicht so recht in das Gesamtbild des Hauses passte) greifen wollte, entdeckte ich ein kleines weißes Kuvert, das zwischen der Tür und dem maroden hölzernen Rahmen beinahe versteckt war. Neugierig wie ich war, öffnete ich den Brief hastig. Zu meiner Überraschung war er an mich adressiert und ich verschlang die wohlgeformten Worte förmlich. Ich las ihn ein weiteres Mal, da ich mein Glück nicht fassen konnte: Es war eine Einladung. Für mich! Johannes – der Bäckerssohn und mein jahrelanger Schulkamerad – lud mich zum Tanz in die Stadt ein. Ich hatte in den Zeitungen viel von der amerikanischen Musik gehört, die sich Rock´n´Roll nannte und nach Deutschland übergeschwappt war. Ich hatte Bilder gesehen von lachenden Menschen, die in schönen Kleidern zu dieser Musik tanzten. Und da hielt ich eine Einladung von Johannes in der Hand und mein Herz machte Luftsprünge. Doch das anfängliche Gefühl verflog schnell, als mir bewusst wurde, dass ich keiner dieser ausgelassenen Menschen von den Bildern war, die ihre Hüften in luftigen Kleidern schwangen. Meine eigene Kleidertruhe gab nämlich nichts dergleichen her, meine herrlichsten Kleider wurden mir schon vor langer Zeit genommen. Ich konnte doch nicht in einem meiner schäbigen Kleider zum Tanz mit Johannes gehen. Ich brach fürchterlich in Tränen aus, da mir bewusst wurde, dass es ihm das Herz brechen würde, wenn ich seine Einladung ablehne. Ich wusste doch nur zu gut, dass er schon als wir klein waren ein Auge auf mich geworfen hatte. Tränenüberströmt lief ich ins Haus und direkt in die Arme meiner Mutter, die scheinbar bereits auf mich gewartet hatte. Besorgt redete sie auf mich ein, dass ich sagen solle, was nicht stimmen würde und was mich bedrückte. Unfähig zum Antworten entgegnete ich ihr nur laute Schluchzer und unverständliche Wortfetzen, sodass ich ihr den Brief hinhielt, der für die Wunde in meinem Herzen verantwortlich war. Sie las ihn aufmerksam und warf mir einen irritierten Blick zu. Natürlich verstand sie nicht, weshalb mich der Brief so traurig gemacht hatte. Nachdem ich mich ein wenig beruhigt hatte, erklärte ich ihr meine Bedenken und mein Vorhaben und sie lächelte nur erleichtert. Nun war ich diejenige, die nicht begriff. Auf meine (zugegebenermaßen patzige) Bitte hin, mir zu erklären was daran so belustigend sei, nahm sie meine Hand und führte mich wortlos in ihr Schlafzimmer. Noch ehe ich fragen konnte, was sie vorhatte, schritt sie zu ihrer Kleidertruhe und öffnete diese. Unter all den Kleidern holte sie aus den Tiefen der dunklen Truhe einen vergilbten Leinensack hervor, den sie mir mit einem erwartungsvollen Blick überreichte. Ich öffnete ihn und konnte nicht fassen, was ich da in meinen Händen hielt: Es war ein weißer, weitausgestellter Rock, der über und über mit kleinen und großen Rüschen und feinen Stickereien versehen war. Später nannte man das dann Petticoat. Und ab dem Moment wusste ich, dass ich mit Johannes zum Tanz gehen würde.
Noch am gleichen Tag wusch ich den Rock mit größter Hingabe und Sorgfalt und hing ihn an die Wäscheleine im Hof. Von meinem Fenster aus hatte ich den besten Blick auf den Hof und so saß ich am Fenster und bewunderte meinen neuen Rock. Und da meine Sorge darüber, dass ihn mir jemand nehmen konnte so groß war, wich ich dem Fenster auch so lange nicht von der Seite, bis es Zeit zum Schlafen war und meine Mutter den Rock gemeinsam mit den anderen Kleidern abhing und ins Haus brachte. Auf der Leine hingen viele andere Kleider und Stoffe. Sie alle haben eine Geschichte zu erzählen gehabt. Da wäre Mutters Schürze, die für mich Heimat und Familie symbolisierte. Oder unsere Tischdecke, die bereits meiner Urgroßmutter gehört und schon viele Gäste und Weinflecken beherbergt hatte. Und die kleinen Söckchen meiner jüngsten Schwester, die trotz der schwierigen Zeiten so viel Glück in die Familie gebracht hatte.

Doch für mich bleibt es immer der Rock, der meine Geschichte erzählen würde.

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