Zu Gast bei Christina Völker

Das Seminar „Kreatives Schreiben“ besuchte die Kunstmix-Galerie in Bremen und schrieb in der Ausstellung „Zwischenwelten“ von Christina Völker.

Eines ihrer Bilder regte uns zum kreativen Schreiben an:

Hirsche

Luisa Chilinski:
Wahrheitswald

„Deine Geschichten beruhigen mich nicht mehr“, sagt sie kalt, „ihnen fehlt die Richtigkeit“.
„Dann glaub doch was du willst!“, antwortet ihr Gegenüber scharf.

Und sie taucht ab, auf der Suche nach Wahrheiten im Vergessen. Grell flackern Zornesflammen auf, doch sie drängt sie zurück ins Dickicht, in die Versenkung der Farben. In diesen Räumen fällt das Denken schwer. Zu viele Farben, zu viele Erinnerungen. Zu viele Antworten, zu wenig Fragen.
Sie steht hier inmitten ihrer selbst und weiß nicht, wonach sie suchen soll.

Die Hilflosigkeit schimmert ihr bläulich aus dem Kopf, wandert wellenförmig von der Enge in die Weite. „Wo muss ich hin?“, hallt ihre Stimme leise im Durcheinander.
Es riecht nach Moos und Trüffeln, erdig und muffig. Ein Wald voller Gedanken.
Sehen kann sie nichts, die schimmernden Gedanken versperren ihr die Sicht. Flutend stürzen sie auf sie ein, bis sie knöcheltief in Phrasen steht. In allem und nichts, ein Nichts aus allem.
Hier ist kein Vorwärtskommen, nein. Es ist zu dicht, sie kann das Chaos nicht sortieren;
das Zucken der Synapsen nicht kontrollieren, das Fließen der roten Wolken nicht hindern.
Laufen ist nicht möglich, nur ein Verlaufen in abstrakten Zwischenwelten.
Zurück, zurück. Wieder vergessen. Das bringt nichts mit der Suche, sie weiß nicht was sie glauben soll.

„Deine Geschichten beruhigen mich nicht mehr“. Dies ist die Wahrheit, die Unruhe obsiegt. Sie lässt keinen Platz für Geschichten.

…………………………………………………….

Noch stehst du unentschlossen. Dein Blick ist scheu, ich sehe dir in deine tiefbraunen Augen, sie perlen ab an deinem Wimpernschlag. Geh jetzt, sieh dir die Abendsonne an. Du durchquerst den offenen Raum leichtfüßig, nimmst Abschied von Birken und Tannen. Du leuchtest so schön, das weißt du. Deine Fellkringel zerfließen, während anmutige Beine dich über Erdbeerfelder fliegen lassen. Rote Farbscherben tropfen deinen runden Bauch herab. Wie du dich in der Luft verlierst, riech den Honig. Schnell löst du dich auf zwischen den Abendlichterwolken, ich will zu dir. Bleib doch, wir sind treue Wesen.

Ich sehe, wie du rückwärts fällst, direkt vor meine Hufe. Auf dampfenden Erdbrocken liegt jetzt dein lebensbunter Körper. Plötzlich wird er tiefschwarz, immer dunkler, endlos schwarz. Es ist still, die Nacht des Waldes verschluckt unsere aufgebrachten Herztöne. Noch kurz sind wir beieinander, verlass mich nicht. Du richtest dich wieder auf, du bist kraftvoll, ich spüre deine tiefbraunen Augen, nein, du willst wieder los, sei ja vorsichtig. Deine anmutigen Beine tragen dich schneller fort, als ich dir nachblicken kann. Ich weiß, was jetzt kommt, dieses Rauschen, das Quietschen, der Aufprall. Diesmal fliegst du nicht über Erdbeerfelder. In deinem Samtfell verkrusten Betonkieseldenkmäler, grünes Blut, überall, wer hält denn das aus?

Heute weiß ich es. Ich werde deine abwesende Schönheit nie verkraften. Wenn ich träume, läufst du rückwärts, springst über die duftenden Erdbeerfelder, riechst sie, reibst dir die Nüstern an der verharzten Birkenrinde. Bleibst dann neben mir stehen, auf ewig. Ich will nicht vergessen, wie es ist deine tiefbraunen Augen leuchten zu sehen. Sie blinzeln nur noch selten zwischen meinen Herztönen, so scheu.

Saskia Bücker

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Ron Jagdfeld: 
Die Hirsche

Ich bin mir sicher, jeder Mensch auf dieser Erde hat schon einmal etwas geschenkt bekommen, was er nicht hat haben wollen. Irgendeinen Dreck, irgendetwas, was man am liebsten direkt in die Mülltonne geschmissen hätte, wofür man sich aber schließlich doch dankend und lachend, eng umschlungen in einer scheinbar nie enden wollenden Umarmung erkenntlich gezeigt hat.
Meine Mutter schenkte mir zwei Hirsche aus Glas zur Hochzeit. Man kennt das ja, wenn einem ein entfernter Bekannter ein x-beliebiges Buch schenkt, weil er eben nicht weiß, was einem gefällt, aber…Hirsche aus Glas? In diesem Moment wurde mir bewusst, wie unbekannt ich meiner Mutter eigentlich war.
Von diesem Tag an wurden die Hirsche zu meinem schlechten Gewissen. Wie sie da standen mit ihrer grün-gläsrigen Haut und mich vorwurfsvoll ansahen, wenn ich meine Mutter mal wieder eine Woche lang nicht angerufen hatte.Wie sie mich mit ihren wachsamen Blicken musterten, wann immer ich viel zu spät von der Arbeit nach Hause kam.
Ich hasste diese Hirsche.
Als ich sie in einem Karton im Keller verschwinden lies, empfand ich es als Befreiung. Zehn Jahre standen sie dort unten. Heute stehen sie wieder auf dem Kamin.
Sie sind wie meine Mutter: Sie sind geheimnisvoll. Ich kann durch sie hindurchsehen und weiß doch nicht, was in ihnen vorgeht.
Ich wünschte, ich könnte meine Mutter noch ein letztes Mal anrufen.

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