Macht und Widerspruch

Die Lehrveranstaltungen in diesem Semester, die unter „Culture4all“ stattfanden, beschäftigten sich zu einem großen Teil mit dem Schwerpunkt „Macht und Widerspruch“.

Auch im Seminar „Kreatives Schreiben zu Kunstwerken“ schrieben die Studierenden zu diesem Thema. Nachfolgend eine Auswahl der dazu entstandenen Texte:

Immer geradeaus auf der schiefen Bahn,
Mit einem Schweigen schon zu viel gesagt.
Zu schnell zu viel gewollt, doch dafür nichts getan.
Schreibe Gesetze für die Anarchie,
Innerlich gespalten, durch die Grenzen, die man zieht
Und zu viel Zeit verschenkt an die Geister, die ich rief.
Hoffnung auf Veränderung durch Kontinuität,
den Weg zu kennen ohne zu wissen wo man steht.
Ein Tisch auf den man nichts legt, ein Stuhl auf dem man nur steht,
meine Sicht ist auf schiefe Weise geradewegs verdreht.
Strukturierte Freiheit in den Käfig wo ich leb‘.
Als Teil des Ganzen bist du niemals allein,
doch wer ist wirklich für dich da wenn du weinst?
Den verdorbenen Brei essen wir genüsslich auf
Und knipsen die Tageslichter aus,
Denn im Trauerspieltheater treten Hoffnungsschimmer auf.

Ruben Schiefke-Gloystein

 

zu: „ca creve les yeux que c’est rrose selavy“ (1965) von Daniel Spoerri

Du bist ihr Prototyp, stimmt’s?
Sie wollen sich in Dir spiegeln, wollen sich in Dir sehen. Sie sehnen sich danach, Du zu sein, ganz offen.
Du bist ihr Prototyp, stimmt’s?
Es ist schließlich so viel leichter blind zu sein, als ständig die Augen verschlossen zu halten.
Du bist ihr Prototyp, stimmt’s?
Man sollte Ihnen die Schuld dafür geben, aber bestimmt nicht dir.
Das macht dich zum Prototyp, stimmt’s?

Sie waren das, ganz klar. Unterdrückt, wurdest Du! Verletzt und bekämpft.
Ein ehrenhafter Prototyp, stimmt’s?
Deine Attitüde ganz ruhig, hältst sonst immer den Mund. Aber das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen.
Oh ja, ein echter Prototyp, stimmt’s?
Du verkneifst dir sonst alles, deine Adern schwellen schon an. Doch du bist nur emo- tional betroffen.
So wie ein richtiger Prototyp, stimmt’s?
Sie verstehen dich. Du bist halt du. Du bist schon immer hier gewesen und sie kom- men und gehen.
Sie nehmen dir die Luft, stimmt’s? Stehen dir im Licht, stimmt’s? Sie gucken ständig so dumm, stimmt’s?
Deine aggressive Ausstrahlung hast du dir nicht ausgesucht. Sie sind ohne Grund von dir provoziert. Vermutlich haben sogar sie dich mit pinker Farbe beschmiert.
So geht man doch nicht mit einem Prototyp um, stimmt’s?
Ganz klar, dass du da zeigen musst, wo der Hammer hängt. Du bist schließlich „reine“ Kunst. Gut, dass du um dich diese Grenze ziehst. So ist es leichter sich in dir widerzuspiegeln. Der goldene Titel glänzt trüb.

So sieht ein waschechter Prototyp aus, stimmt’s?
Deine Ansichten hängen nicht am seidenen Faden, stimmt’s?
Und nun wollen sie dich verändern, dir alles nehmen, Licht und Luft und Leben, stimmt’s?
Wie können sie nur? Du bist doch ein Prototyp.
Echt und golden und männlich und deutsch und ehrlich und stark und hier und
deutsch und nett und durchtrieben von Hass und traditioneller Moral und doch einfach nur besorgt um deine Kultur, – stimmt’s?
Doch es macht dich nicht mächtig im Glashaus zu sitzen, mit Steinen zu werfen, zu hassen und zu schimpfen. Du bist der Prototyp der reinen Dummheit, das stimmt.

Annika Kaehler

 

zu: Leopold Rabus „La garçoniere no1“

Wenn ich sie mir vorstelle, in ihren muffigen Studierzimmern. Wie sie ausgemergelt auf den ausgelegenen Matratzen vegetieren und Gedankenschlösser spinnen, in denen die Moral regiert und sich mit der Freiheit einen hinter die Birne knallt. Das wäre nichts für mich. Sich wie die Ratten in schäbigen Löchern zu verziehen, zu benebelt vom verlockenden, giftigen Duft der versponnenen Gedanken um zu merken, dass das Schiff längst am sinken ist. Ich jedenfalls habe so schnell das Weite gesucht wie ich nur konnte. Bringt doch alles nichts. Thhh! Wenn ich sie mir vorstelle mit Stift und Papier und den Augen in einer anderen Wirklichkeit. Literaten und Philosophen, Maler und moralische Richter, Querdenker und verquere, betrunkene Vordenker, die in dem trüben Licht, das dickflüssig durch die angelaufenen Scheiben sickert mehr sehen als die Tristesse eines verhangenen, bald wieder vergangenen Tages, der ja doch keine Veränderung bringt. Das wäre nichts für meine zart besaitete Seele. Kaputt gehen werden sie daran! Und irgendwann liegen sie mit blutiger Seele in ihren kalten Studierzimmern, fiebrig vom Hunger und mit tauben, verkrampften Fingern… Werden schon merken, dass sie an ihren eigenen Ideen verrückt werden. Geknebelt von ihren eigenen Idealen, die Form angenommen haben und von Mund zu Mund hinauf auf die Fahnenmasten getragen wurden. Alte Narren! Dachten wirklich sie könnten mit ihren abstrakten, kritisch verworrenen Bildern und Worten die klebrige, leer geatmete Luft da draußen rein waschen. Ich war auch mal so aber die werden es schon merken. Allein in ihren elenden Stuben… Thhh! Wenn ich sie mir so vorstelle…

Laura Beurer

 

Die Farben der Anderen

Ich kommen aus dem Muttermund
Purpurrot tief
Beerensaft trieft
Und fließt feuchtwarm in dunklen Grund

Mir ist es zu dunkel, zu stickig hier
Düstere Ahnungen, Nähe, Erwartungen
Ich gehe fort von ihr.
Näher zu mir. Will meine eigenen Farben finden.

Auf halber Strecke treffe ich dich.
Du lächelst und strahlst und wartest auf mich
Helle Sonne an langem Sommertag
Wärmende Strahlen, Nähe die mich mag
Aber ich schiebe sie weg
Da wird sie eifersüchtig
Giftige gelbe Sonne voll Neid
Ich gehe.

Doch ich komme nicht weit.

Denn da stehst du am Wegesrand
Schmutzige Kleidung, abgebrannt
Dein Kern ist tiefschwarz
Und die Schlieren darum
Aus kalt grauem Zigarettenrauch
Der sagt, dass er mich braucht.
Und ich denke, vielleicht brauch ich ihn auch
Doch ich erwache verkatert, mit Husten vom Rauch
Dein Grau als Schatten unter meinen Augen
Und ich sage das kann es nicht sein, das will ich nicht glauben
Und ich schleppe mich fort.

Dann bin nur noch ich da und forsche in meinen Grund
Was bleibt, bin ich bunt?

Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon
Ein bisschen von ihr und von ihm und von dir
Doch da ist keine Farbe in mir

Bin ich ein Chamäleon?
Das darauf wartet, angefüllt zu werden
Mit den Farben der Anderen.

Lea Woltermann

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s