Urlaub am Meer

Welche Texte entstehen im Seminar „Kreatives Schreiben“?
Hier eine Geschichte von Moritz Dreyer zum Kunstwerk von Annemarie Strümpfler in der Städtischen Galerie in Bremen:

Land

Urlaub am Meer

Noch fünf, vier, drei, zwei Sekunden. Endlich! Feierabend! Bernd klappte das Notebook zu, dass er vorsorglich schon vor zehn Minuten begonnen hatte herunterzufahren und verstautes es in seiner Aktentasche. Er schloss den Reißverschluss seiner Jacke und verließ das Büro in Richtung Tiefgarage, wo sein mitternachtsblauer Mercedes-Benz GLE 63 Coupé bereits auf ihn wartete. Mit einem tiefen grollen rauschte es aus der Tiefgarage. Wenig später bog Bernd auf die Stadtautobahn ein, beschleunigte in unter vier Sekunden auf 150 km/h und in weiteren vier Sekunden auf Tempo 250. „Radio ein! Oh Gott, Helene Fischer!“ Schnell wechselte er zum IPod. „Was möchtest du hören Bernd?“, säuselte eine Frauenstimme aus den allgegenwärtigen Lautsprechern. „Irgendwas Indiemäßiges. Nur nicht diesen Schlagermainstream.“ Das Soundsystem folgte. Bernd folgte dem Navi und erreichte zwanzig Minuten später zu Klängen von Klangstof sein Eigenheim, wo seine Frau Claudia mit den beiden Söhnen Jann und Philipp bereits ungeduldig wartete. Claudias roter Porsche Cayenne stand bereits mit laufendem Motor im Carport. Sie hatte ihn gar nicht erst ausgemacht, nachdem sie Jann und Philipp vom Gymnasium abgeholt hatte. Das war vor einer halben Stunde gewesen. Bernd parkte und tauschte den Fahrersitz des GLE gegen den des Cayenne. „Da bist du ja endlich.“ Kuss. „Ging das nicht eher?“ „Sorry Schatz, man hat mich nicht eher raus gelassen. Na Jungs, alles klar da hinten?“ Keine Reaktion, dafür gedämpfte Töne, die unter massiven Beats-Kopfhörern hervordrangen. „Sie haben Kopfhörer auf Schatz, fährst du? Der Flug geht um 17 Uhr.“

Reemmabualru. Endlich! Als Bernd bald darauf die Gangway des Super-Airbus A380 betrat, stand ihm die Freude ins Gesicht geschrieben. Sein Bürojob war hart und so gönnte er sich und seiner Familie einmal im Jahr einen zweieinhalbwöchigen Urlaub am Meer, in Indonesien, auf eben dieser Insel. „Reemmabualru liegt in der Nähe der Touriparadiese Bali und Lombok. Doch es ist noch ein echter Geheimtipp. Es gibt nur eine Handvoll Hotels und der Flughafen wurde erst vor wenigen Jahren angelegt, um diese Insel für den sanften Tourismus zu erschließen und den Bewohner*Innen Wachstum und Arbeitsplätze zu bringen.“ Wenn Bernd seinen Kollegen davon vorschwärmte, fiel es ihm schwer, seine Faszination für diese Insel im Zaum zu halten. Wie er im Lonely Planet gelesen hatte, war Reemmabualru früher vor allem wegen des Reemmabualru-Warans berühmt, eines nahen Verwandten des etwas größeren Komodo-Warans. Aus Sicherheitsgründen für den Tourismus und die Palmölplantagen wurden diese Tiere aber in den Neunzigern auf die südwestliche Nachbarinsel Eflih Enaraw umgesiedelt. Wofür Reemmabualru aber hauptsächlich berühmt war, waren seine grünen tobleroneartigen Hügel im Hinterland und die zahlreichen Traumstrände, welche die Insel umgaben. Während die Nordküste von ausladenden Korallenriffen gesäumt wurde, versprach die Südostküste feinste Sandstrände. Mal korallensterbenweiß, mal vulkanascheschwarz. Ein Paradies für Surfer. Ideal für Familien mit Kindern waren hingegen die Sand- und Kiesstrände an der langgezogenen inneren Bucht. Nur kleine Wellen, konstante achtundzwanzig Grad Wassertemperatur und viele bunte Fische, die man leicht mit dem Strandkescher fangen konnte.

Am Flughafen von Reemmabualru wurden Bernd und Claudia zusammen mit anderen Familien, die gestern Nachmittag in Frankfurt gestartet waren, mit einem vollklimatisierten Kleinbus eines chinesischen Herstellers abgeholt. Die Digital-Spiegelreflexkameras gaben abstellbare mechanische Signale von sich, während die begeisterten Reisenden aus dem Bus heraus die Landschaft Reemmabualrus auf ihren Speicherkarten verewigten. Sie fuhren durch frisch angelegte Palmölplantagen. Bernd frohlockte: „Seht hin Jann und Philipp. Ein Land im Aufbruch. Claudia, gleich müsste bei dir der kleine Wasserfall kommen.“ Es folgte ein Sägewerk, das letztes Jahr noch nicht dort gestanden hatte. „Da, ich sehe das Meer!“ Der Bus fuhr vorbei an palmenbestandenen Sandstränden, auf denen Arbeiter Unrat einsammelten und ihn in Plastiksäcke verpackt auf einen bereits überladenen Lastwagen warfen, vorbei an neu errichteten Hotels umgeben von hohen Mauern. Dann bog der Bus in eine Seitenstraße ein und hielt wenig später vor einem Stahltor. Das Tor öffnete sich und eröffnete den Blick auf weitläufige Poollandschaften, Zierpalmen und weiße und schwarze Waschbetonplatten. Als der Bus hindurch gefahren war, schloss das Stahltor mit einem dumpfen Rumsen. Darauf stand in großen Lettern geschrieben: „Willkommen im Paradies! Robinson Club Reemmabualru!“

M.D.

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